Über

Ich bin nicht in diesem Land geboren, sondern in einem Staat, der seit 1991 nicht mehr auf der Karte zu finden ist, der Sowjetunion. Als Nachfahre deutscher Einwanderer kam ich Mitte der 1990er zurück nach Deutschland. Ein Ausländer, dem seine Herkunft als Kind peinlich war. Ein Kind, welches als erstes in der 1. Klasse lesen konnte, gleichzeitig aber im Boden versank, wenn es von Mitschülern auf die für sie seltsam anmutende Aussprache des Buchstabens „R“ angesprochen wurde.

Wenn man in der Schule im Biologieunterricht aufgepasst hat, so hat man im Rahmen der Evolutionstheorie früher oder später vermittelt bekommen, dass Arten sich eine ökologische Nische suchen. Das ist mit einer „Spezialisierung“ vergleichbar, die es der jeweiligen Art erlaubt, sich auf bestimmte Umweltfaktoren und -einflüsse einzustellen, sodass sie hier im Vergleich zu potentiellen Konkurrenten einen Überlebensvorteil haben. Dieses Einnisten in einer ganz speziellen Sparte sichert das Überleben.

Viele Jahre sind vergangen und so hat sich auch meine Einstellung verändert. Ich habe mit der Zeit erkannt, dass meine Herkunft mehr Chance, denn Nachteil sein könnte. Diese Eigenschaft ist ein Alleinstellungsmerkmal, das an und für sich keinen Wert hat. Interessant wird es, wenn man meinen bisherigen Werdegang bedenkt. Ich habe mit 24 meinen Master of Arts (Internationales Recht und Politik) erlangt und bin zur Zeit berufstätig. Die ZEIT ONLINE hat jüngst begonnen eine Serie zu veröffentlichen: Jung und Konservativ. Im Rahmen dieser Artikel-Serie erschien der interessante Beitrag:  Wir sind die neue konservative Elite. Dort beschreibt eine polnische Migrantin ihre Lebenswirklichkeit, zu der auch die Zugehörigkeit zum Konservatismus zählt. Und da ist sie nicht die Einzige (wenngleich ich es mir zweimal überlegen würde die CDU unter der Führung Angela Merkels als konservativ zu bezeichnen).

Durch diesen Artikel wurde mir klar, was in meinem Innern schon längst Ausdruck im Äußeren gesucht hat: Teil einer neuen und konservativen Bewegung sein zu wollen, zu können und dies auch zu müssen. Und hier kommt meine eigene, ganz persönliche, identitätsstiftende und die Überlebensfähigkeit steigernde ökologische Nische zum Tragen: Ein Russlanddeutscher mit akademischen Bildungsgrad, der eher zugibt, dass die Polen es waren, die den Vodka erfunden haben, als dass er Rot-Rot-Grün als Wahlmöglichkeit in Betracht ziehen würde, der Willens ist, seinen Standpunkt öffentlich zu machen und dadurch seinen Beitrag für die erstarkende und für Deutschland bitter notwendige konservative Bewegung zu leisten. Durch Die Achse des Guten inspiriert, werde ich jetzt Beiträge zu Themen verfassen, die ich vom Standpunkt meiner Nische als a.) erwähnenswert identifiziere und b.) werden die zugehörigen Beiträge aus der Feder und durch die Brille des akademisierten, Adidas-Anzug tragenden Russlanddeutschen verfasst. Während innenpolitisch die konservative Bewegung verstärkten Zulauf erfährt, bleibt das von Realismus geprägte außenpolitische Verständnis auf der Strecke. Machiavelli gilt mir hier als Vorbild:

Da ich aber etwas Nützliches für die Unterrichteten schreiben will, so dürfe es, nach meinem Dafürhalten, besser sein, wenn ich dem wirklichen Wesen der Sache nachgehe, als einem Phantasiebild von ihr. Und viele haben sich Republiken und Monarchien zusammenphantasiert, die nie existiert haben. Es ist ein so außerordentlicher Unterschied zwischen der Art, wie man wirklich lebt und wie man leben sollte, daß alle welche bloß darauf sehen, was geschehen sollte, und nicht auf das, was wirklich geschieht, eher ihren Untergang als ihre Erhaltung erleben.“ (Machiavelli, Vom Fürsten, Abschnitt 15)

In persönlichen Gesprächen bin ich aufgrund meiner Meinung zu bestimmten gesellschafts- oder weltpolitischen Entwicklungen oft angeeckt. Viel häufiger stand diese mir im Weg als mein „Migrationshintergrund“. Letzteres bedingt aber Ersteres. Unglaube? Abwarten. Meine Einstellungen zu Gott und der Welt sind in Kombination mit meinem Werdegang und meiner gesellschaftlichen Position einzigartig, dies ist alles, aber keine Wertung. Es ist eine Tatsache. Ausgerüstet mit meiner ganz eigenen Stellung und Meinung ziehe ich jetzt los. Als Teil der Deutschen Gesellschaft, als partizipierender Bürger. Bei mir kann von Integration keine Rede sein, es ist eine Assimilation, mit der Hoffnung, dass die Nische, die ich als politisches Individuum besetze, ebenso seinen Einfluss auf die Gesellschaft entfaltet. Gewisse Wechselwirkungen sind nunmal nicht zu verhindern.

Das rollende R  jedoch ist trotz dieses Prozesses bis heute nicht verschwunden. Und das ist auch gut so.

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