Nordkorea als Handpuppe Chinas – Warum kein Krieg droht

International geht ein altbekanntes Gespenst umher: Der atomare Schlagabtausch mit Nordkorea steht, so glaubt man der medial verlauteten Zuspitzung, unmittelbar bevor. Nichtigkeiten, wer wann was über den jeweils anderen gesagt hat, stehen im Mittelpunkt der Betrachtungen, um, so könnte man glauben, nach dem Knall einen Schuldigen ausfindig machen zu können. Der Konflikt um Nordkorea ist aber sehr viel mehr, als man aufgrund der oberflächlichen Pressearbeit zu glauben verleitet wird.

Die Problematik um Nordkorea reicht gerade mal einige Jahrzehnte in der Zeit zurück und entspringt größtenteils, welthistorisch betrachtet, modernen politischen Entwicklungen, was in gewisser Weise ein Alleinstellungsmerkmal ist, da die meisten Konfliktherde viele hundert Jahre alt sind. Die koreanische Nation als ein Kind des 2. Weltkrieges musste schnell lernen was es heißt zwischen den beiden weltbeherrschenden Systemblöcken zu stehen. Der Koreakrieg sollte der Vorläufer einer fatalen Entwicklung des Kalten Krieges werden, die sich durch unzählige Stellvertreterkriege auf nur jedem erdenklichen Kontinent Bahn schlug.

Vorgeschichte – Systemkampf im Fernen Osten

Europa aufgeteilt, Afrika im Griff der alten Welt, Südamerika für die sowjetische Seite noch nicht zu erreichen – das war der Stand der 1950er Jahre. Es begann ein Wettlauf um das Vakuum im Pazifik, das das japanische Imperium hinterließ. In dem Wissen um die kurze Halbwertszeit eines politischen Vakuums hat keine Seite Kosten und Mühen gescheut, um im Hau-Ruck-Verfahren möglichst viele Meter Land gut zu machen. Die USA, die ihre Westflanke nur dadurch zu sichern glaubten, indem sie ihre Ostgrenze möglichst weit an die der beiden kommunistischen Reiche verlegte, und die weiten Meere, die sie Japan abgerungen hatten, als Puffer und strategische Tiefe nutzten.

Die USA entschieden sich 1950 aus zweierlei Gründen zur Verteidigung Süd-Koreas:
a) Man war nicht gewillt Stalin potentiell nützliches Territorium zu überlassen und dadurch mittel- bis langfristig seine Pazifikfront zu gefährden.
b) Massiver Vertrauensverlust anderer Alliierter, wenn man den Verbündeten, den man in Südkorea sah, fallen gelassen hätte. Der Korea-Krieg war eine machtpolitische Erfordernis seitens der USA, die es den USA zudem erlaubt bis heute das damals verteidigte Territorium zu halten, was eines der Standbeinde der US-Strategie im Pazifik ist.

Die chinesische Expansion heute

Das Erstarken Chinas geht, wie so oft in internationalen Beziehungen, auf Kosten der Nachbarn und Konkurrenten. Die USA sehen ihren Einfluss in der Region, zurecht, als gefährdet an. Nicht umsonst hatte Obama erklärt, dass Europa nicht mehr im Fokus stünde, sondern der ost-asiatische Raum nun ungeteilte Aufmerksamkeit genieße. Das Ausrufen spezieller Luftraum-Zonen oder Errichten künstlicher Inseln, um diese als Waffenträger zu nutzen, hat große Besorgnis bei den US-Militärstrategen hervorgerufen, die, wie in solchen Fällen typisch, nur einen Weg sehen: nach Vorn. Parallel dazu, abseits des Taktierens um Schiffe, Flugzeuge und Basen, kam dann Trump, der die Chinesen auch noch im Feld der Wirtschaft, des Handels und der Finanzen zum Duell aufforderte. Das alles ist aus Sicht Chinas ein Hindernis bei dem Versuch seinen Machtbereich auszudehnen, der früher oder später an den der USA stoßen würde, dies aus ihrer Sicht aber lieber spät als früh geschehen sollte. China weiß um den heute noch vorhandenen Abstand zu den USA und dass dieser sie zur Zeit daran hindert eine offenere Konfrontation mit den USA zu suchen und zu gewinnen.

Der Joker Nordkorea

Das Regime um Kim Jong-un hält sich nur dank des chinesischen „Engagements“. Der Einfluss dürfte bei weitem größer sein, als wir es erahnen können. Die Chinesen wären niemals so töricht einen tollwütigen Kläffer an ihrer Grenze zu akzeptieren, ohne diesen gleichzeitig ausreichend zu kontrollieren. Die Chinesen lassen die nordkoreanische Elite ihren absolutistischen Traum leben, im Gegenzug halten Sie im Hintergrund alle Fäden in der Hand, die sie brauchen, um das nordkoreanische Gebaren zu steuern. Kaum droht eine ressourcenbindende Auseinandersetzung mit den USA in den oben genannten Bereichen, fängt der Kläffer an zu kläffen. Mit Erfolg: Medien, Trump, das Pentagon, Europa und der Rest der Welt blicken auf den heißer werdenden Konflikt um die koreanische Nation.

Nordkorea hat vielerlei Vorteile für die Chinesen. Zu erst einmal kostet es kaum etwas. Der Gewinn durch nordkoreanische Sklavenarbeiter kommt auf der chinesischen Haben-Seite hinzu, zusätzlich zu derlei Vorteilen, die mit „verstärkter chinesischer Einflussnahme in Nordkorea zugunsten der Vernunft“ einhergehen und das Ranking Chinas als Global Player verbessern, da sie ihre diplomatische Schokoseite als Vermittler dadurch zu betonen wissen. Einen Krieg wird China verhindern, da dieser nur mit einem suboptimalen Ausgang für eben jene enden würde. Die Zerstörung Nordkoreas, mit den ausgelösten Flüchtlingsströmen und Uncle Sam direkt an der Haustüre wären nur die offensichtlichsten Probleme, die dadurch entstünden.

Fraglich ist nicht, ob die USA das durchschauen, sondern vielmehr was im Hintergrund an Prozessen vonstatten geht, um in Zukunft nicht mehr den bitteren chinesischen Köder schlucken zu müssen. Ohne Beweis, dass China hinter all dem steckt, werden die USA mit Nordkorea weiterhin umgehen, wie mit einem Kleinkind auf einem Berg waffenfähigem Plutonium. Das Leben der Menschen in Südkorea und Japan, sowie der dort stationierten Soldaten wird bedroht – bald vielleicht auch das der Bürger in allen Bundesstaaten. Die USA werden in dem Wissen um Chinas Position bei einem US-Präventivschlag, genau diesen nicht durchführen und Nordkorea seinerseits wird ebenfalls keine Anstalten machen einen Atomschlag auf Gebiet der USA, oder das seiner Verbündeter zu veranlassen. Die Chinesen werden es ihnen schlicht nicht gestatten. Im Moment sieht es danach aus, dass Nordkorea und die USA darauf verdammt sind einander aufzulauern, getrieben durch die öffentliche Wahrnehmung, jedoch in dem Wissen, niemals einander angreifen zu müssen.

Afghanistan First?

Heute konnten wir Zeuge einer weiteren 180°-Drehung Trumps werden. Sein Wahlversprechen, sich militärisch zurückzuziehen und die weltweit durch Interventionen unterfütterte US-Dominanz zu einem Relikt des späten 21. Jahrhunderts werden zu lassen, scheint gebrochen. Ist Trump immer noch der selbsternannte Deal-Maker und Realpolitiker, oder lässt er sich mittlerweile durch eine übergeordnete Ideologie leiten, die aus der Strafexpedition nach Afghanistan 2001, den unendlichen Krieg werden ließ?

„America First!“ war sein Wahlkampfslogan. Mit seinem Sieg sollte eine neue Ära des Isolationismus den USA zu alter Größe verhelfen. Isolationismus war der neue alte Begriff der Stunde, da es schließlich auch nicht das erste Mal in der US-Geschichte wäre, dass man sich mit Hilfe der drastischen Reduktion des Übersee-Engagements, Fokus und Ruhe für die Problemlösung im Inland verschaffen würde. Von der altehrwürdigen Maxime ist, gut ein halbes Jahr nach Trumps Amtsantritt, nicht mehr übrig: Syrien, Nordkorea und jetzt Afghanistan. Überall, so scheint es, sucht Trump die Konfrontation, anstatt die durch Desinteresse gekennzeichnete Koexistenz. Damit ist er nicht nur in den Fahrwassern alter US-Administrationen, sondern gleich dabei in die Vollen zu langen, wenn es darum geht den US-amerikanischen Machtanspruch mit Hilfe militärischer Drohgebärden durchzusetzen. Unter realpolitischen Gesichtspunkten ist dieses Vorgehen höchst riskant, da die Folgen, und damit auch die Kosten, nicht abzuschätzen sind. Eine Isolation wäre kurz-/mittelfristig garantiert effizienter bei dem Versuch heimische Machtpotentiale zu konsolidieren.

Rechts blinken – links abbiegen

Bei genauerer Betrachtung der Trump´schen Hotspots fällt jedoch auf, dass auf großes Getöse stets stark abgeschwächte, oder gar der verkündeten „harten“ Linie zuwider laufende Maßnahmen erfolgen. In Syrien griff man für militärische Maßstäbe kostengünstig an, warnte vorher die russische Konfliktpartei, sodass eine direkte Konfrontation durch ein etwaig auftretendes Missverständnis ausgeschlossen wurde. Zusätzlich schadete es dem Assad-Regime nicht in außergewöhnlichem Maße, da dieses schon am nächsten Tag neue Luft-Schläge von der am Tag zuvor angegriffenen Rollbahn flog. Trump, der als Chef eines Wirtschaftsimperiums gewissermaßen autokratische Züge haben muss, ist zudem darauf bedacht sein Gesicht zu wahren und sein Ego zu schützen. Das hat der Einsatz in Syrien bewirken können, bei geringen Kosten und Risiken. Man darf auch nicht die jüngst erfolgte Maßnahme vergessen, die Unterstützung für syrische Rebellen zu kappen und so den Geld- und Waffenfluss trockenzulegen.

In Nordkorea ging Trump ein großes Risiko ein, ohne jedoch große Kosten tragen zu müssen. Einsparungen lassen sich an der Ost-asiatischen Front so zwar auch keine machen, jedoch muss man aber darüber hinaus die Möglichkeit im Hinterkopf behalten, dass Trump China durch die Eskalation in Nordkorea schwächen oder zumindest zu Zugeständnissen bewegen möchte, welche dann einen größeren Nutzen bringen würden, als Einsparungen durch Reduzierung der vor Ort stationierten Soldaten. Wann, und ob überhaupt, Trump die Früchte dieser Nordkorea-China-Politik ernten können wird, bleibt abzuwarten.

Rätsel Afghanistan

Die Antwort auf die Frage was die Abkehr von seiner ursprünglich anvisierten Afghanistanpolitik ausgelöst hat, liegt noch im Dunkeln. Interessant ist, dass das Militär mehr Freiräume erhalten soll und die Abkehr vom Nation Building, welche nicht mehr Ziel der US-Doktrin sei, nun gesetzt ist. Letzteres ist eindeutig ein Bruch mit der klassisch neokonservativen Zielsetzung im Bereich der Außenpolitik. Terroristen zu töten sei jetzt erste und einzige Aufgabe der von ihm geführten USA. Zu bedenken ist auch, dass Trump damit seine Stammwählerschaft beruhigen will, indem er, wenn er schon keinen Rückzug liefert, er wenigstens dafür sorgt, dass hypermoralische Begründungen ausbleiben. Simples Töten der „bösen“ Jungs zieht schließlich auch bei seiner Wählerbasis. Die Zeiten, in denen die USA der weltweite Demokratie-Lieferservice waren, sind vorbei – so die Message. Eine 4.000 Mann starke Verstärkung soll bei der nun verkündeten und betont archaischen Jagd helfen, die eher höchstens mittelbar mit Nation und Democracy in Verbindung zu bringen ist. Wenn man bedenkt, dass zu Spitzenzeiten knapp 100.000 Soldaten keinen Sieg erzwingen konnten, ist es fraglich, wie ernst Trump es mit dem Sieg über die in Afghanistan beheimateten Terroristen meint. Gesichtswahrung, das Zurückdrängen eines in letzter Zeit gewachsenen Einflusses Russlands in der Region und die Ablenkung von der US-amerikanischen Innenpolitik, könnten Ziele, abseits der angeführten Terroristenjagd, sein. Hier dürften die Kosten den Nutzen jedoch bei Weitem übersteigen, bedenkt man das bald seit 16 Jahren andauernde Engagement der USA in Afghanistan, sowie Kosten im Billionenbereich. Vom Schaden, den seine Soldaten in einem quasi nicht zu gewinnenden Krieg tragen, brauch man hier gar nicht erst sprechen.