Es ist gerade einmal zwei Jahrzehnte her, da gelang es dem Westen, und allen voran Deutschland, eine historische Annäherung bisher ungekannten Ausmaßes. Die vertiefte militärische, wirtschaftliche und politische Kooperation mit einstigen Warschauer Pakt-Staaten mündete in einem Beitritt eben dieser in NATO und EU. Das alles wird riskiert – für was? Und zu welchem Preis?

Die Grenzöffnung 2015 birgt noch gänzlich andere, von den meisten Beobachtern bisher nicht thematisierte Auswirkungen, die weit über die bereits beobachtbaren Konsequenzen für die innere Sicherheit und den Wohlfahrtsstaat hinaus reichen. Das deutliche Abkühlen der Beziehungen zwischen Deutschland und den sogenannten Visegrad-Staaten dürfte den Wenigsten entgangen sein. Im gleichen Atemzug sei hier nur an die plötzlich auftauchenden Reparationsforderungen Polens erinnert, die sich summa summarum auf rund eine Billion Euro belaufen.

Wachsam oder bloß paranoid?

Der Großteil der Staaten Osteuropas sei eher dazu bereit auf finanzielle Unterstützung zu verzichten, als sich an den Kosten für die Flüchtlingskrise zu beteiligen, da letztere die gewährten finanziellen Förderungen bei weitem übersteigen dürften. Der finanzielle Aspekt an sich ist aus Sicht der Osteuropäer nicht der entscheidende, da soziokulturelle Beweggründe für die Ablehnung der mehrheitlich muslimischen Migranten ausschlaggebend sein dürften. Die Osteuropäer sind zum einen christlich geprägt, zum anderen schlicht realistischer.

Im Christentum haben vor allem die Polen zu Zeiten des Kommunismus eine Zuflucht gefunden, welchem es in gut einem halben Jahrhundert nicht gelang, den Polen ihren Glauben auszutreiben. Die Osteuropäer sind sich den Gefahren, die in der Welt lauern, bewusster, haben sie das sowjetische Joch erst vor kurzem auf den Müllhaufen der Geschichte befördern können. Jene wissen ganz genau, wie schnell sich die Karten neu mischen können und man vor vollendete, den eigenen Interessen zuwiderlaufende Tatsachen gestellt werden kann. Ebenso wirken in diesen jungen Demokratien noch Kräfte in Form des Glaubens an bestimmte Grundsätze, die bei uns aufgrund der nun mehr seit einem Menschenleben dauernden Wohlstandsperiode, in Vergessenheit gerieten. Die Osteuropäer sind nicht willens ihre Ressourcen mit Menschen, mit denen sie aus ihrer Sicht nichts gemeinsam haben, zu teilen.

Politisch vorausschauendes Handeln, ein zukunftsorientiertes Wirtschaften, und stets die eigenen Interessen im Blick haben, sind hiesig aus der Mode gekommene Erscheinungen. Sich auf einen wohlwollenden Lauf der Geschichte zu verlassen ist nun das Motto, wenngleich dies keiner zu bemerken scheint. Anders kann man sich die Fahrlässigkeit in Punkto Energie, Autobau und mit allen mit der Flüchtlingskrise zusammenhängenden Themenfelder nicht erklären. Doch genau solche Fahrlässigkeiten droht die Geschichte hart zu bestrafen.

Schaukelstuhlpolitik – wachsende Herausforderungen in der Außenpolitik

Deutschland droht die Osteuropäer mittel- bis langfristig zurück an die Russen zu verlieren. Annäherungen zwischen Russland, den Tschechen und Ungarn sind unübersehbar. Einige sagen, dass die Osteuropäer im russischen Gesellschaftsmodell eher eine Heimat sehen, als im hyperprogressiven der westlichen Gesellschaften. Und das bei der bereits erwähnten Vergangenheit, die Osteuropa und Russland gemein haben. Wie weit muss die Entfremdung vom Westen vorangeschritten sein, als das unter Angesicht der Geschehnisse des 20. Jahrhunderts so etwas vermehrt in den Köpfen der Osteuropäer aufzutauchen scheint? Welche geopolitischen Konsequenzen ein auch nur leichtes Abdriften gen Russland haben dürfte, kann man sich heute noch nicht ausmalen. Die Osteuropäer werden auch hier das Beste daraus machen, da sie zwischen beiden Blöcken hin- und her pendeln können, stets umworben und die eigenen Interessen im Blick haltend.