Die Mär von den bösen USA

Der Anti-Amerikanismus ist mindestens genau so lange Teil der westeuropäischen Populärkultur, wie Elemente des American Way of Lifes, ob in Form von Blue Jeans, Harley Davidson, McDonald´s oder der Unterhaltungsindustrie als Ganzes. Auf politischer Ebene scheint der Bürger Europas als politischer Laie jedoch unversöhnlich mit den USA ins Gericht zu gehen.

Während die Errungenschaften, die die Annehmlichkeiten für das Individuum, ob mit Hilfe von Technologie oder Medien, steigern, längst ihren Platz in den Gesellschaften der europäischen Nationalstaaten, und auch weit darüber hinaus, gefunden haben und nicht mehr wegzudenken sind, scheint auf politischer Ebene ein mittlerweile stark ausgeprägter Beißreflex zu existieren, sobald die USA, in welcher Form auch immer, außenpolitisch aktiv werden. Der Vietnamkrieg stellt die Geburtsstunde einer breiten, pazifistisch eingestellten Bürgerbewegung dar, deren Anhänger aufgrund der sich seit dem Zweiten Weltkrieg weiterentwickelten Medientechnologie quasi live bei den vereinzelt vorkommenden Kriegsverbrechen zuschauen konnten. Dies mobilisierte Teile der Gesellschaft, die durch die Erfahrungen des Weltkriegs und der eigenen Schuld an diesem, in einer Art und Weise geprägt gewesen ist, dass optimale Grundvoraussetzungen für das Entstehen einer Friedensbewegung bestanden. Dieser Prozess setzte sich fort und wurde durch weitere größere Interventionen seitens der USA verstärkt: „No Blood for Oil!“ war das einprägsame Motto der Demonstranten, die den Ressourcenreichtum des Irak als Hauptmotivation für die US-Interventionen unter den Bush-Administrationen ausmachten. Diese Sichtweise greift nicht nur zu kurz, sie ist auch schlichtweg falsch.

Handel ist billiger als Krieg

Staaten sind als rational handelnde Akteure zu verstehen, allen voran die Global Player, die ihre Position allem, aber sicher nicht einer irrationalen Politik zu verdanken haben. Die USA, als letzte verbleibende Supermacht, hat sicherlich keine billionenschweren (!) Kriege um Ressourcen geführt, um einen Großteil der Öl-Förderrechte in den Händen Russlands oder Chinas zu sehen. Das Öl durch Handel zu erwerben wäre bei weitem effektiver gewesen, als es zu erkämpfen. Und wenn ich diesen Schluss ziehen kann, dann konnten das die Entscheidungsträger im Weißen Haus erst recht. Die Gründe liegen gänzlich wo anders.

Die USA handeln wie jeder Staat im Rahmen des Macht- und Sicherheitsdilemmas. Ein Staat kann niemals wissen, was ein anderer mit seinen Ressourcen, in welchem Bereich auch immer, beabsichtigt. Letztlich können diese zur eigenen Vernichtung eingesetzt werden. Entsprechend versuchen Staaten Sicherheit durch Macht zu erlangen, was wiederum zu Reaktionen anderer Staaten führt, die die für sie fremden Machtressourcen als potentielle Bedrohung sehen und ihrerseits bemüht sind Machtpotentiale zu akkumulieren. Jeder Staat tut dies, sofern er langfristig nicht von der Landkarte gefegt werden möchte. Für jeden, der solche politischen Prozesse als anachronistisch brandmarkt, sollen der Zusammenbruch des Ostblocks, Jugoslawiens oder die jüngste Abspaltung der Krim als Gegenbeispiele dienen. Niemand weiß wie Staat A sich in zehn Jahren zu Staat B verhält. Es gibt keine Freunde, höchstens zeitlich begrenzt kooperierende Nationen inmitten einer internationalen anarchistischen Ordnung, die keinerlei sicherheitsfördernden Sanktionsautomatismen kennt.

Viel Macht verlangt viel Sicherung

Wer eine globale Macht darstellt, ist entsprechend überall vertreten, was eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Konfliktverwicklung unausweichlich werden lässt. Der mediale Fokus, in dem die USA stehen, tut ihr Übriges. Ein Staat ist stets auf Machtausbau, zumindest jedoch auf Bestandswahrung aus. Nur mehr Macht bedeutet in der Logik der internationalen Beziehungen mehr Sicherheit, nicht umgekehrt. Doch wieso ist Anti-Amerikanismus so verbreitet? Vor allem unter Europäern? Dafür gibt es zwei Gründe. Die Europäer leben seit 70 Jahren in Wohlstand, die die eingangs beschriebene pazifistische Einstellung befördert, während Sicherungsmaßnahmen durch die USA gestellt werden. Diese tun das nicht aus altruistischen Motiven heraus, sondern brauchen den Fuß in der im Westen gelegenen Tür Eurasiens. Die Rote Armee an der portugiesischen Atlanktikküste war seit jeher der Worst Case für US-Strategen, die um die Sicherheit der USA bemüht waren und immer noch sind. Dem europäischen Menschenfreund sind solch archaischen Gedankengänge zuwider. Er, als aufgeklärter Humanist, kann der Machtpolitik nichts abgewinnen. Das sollte er aber: „Was sind 1000 Worte wert, wenn die Härte der Faust gefragt ist?“ sang schon Viktor Tsoi, der Frontmann der sowjetischen Band „Kino“, die sich dem Kriegstreiben der Roten Armee in Afghanistan mit Hilfe der Musik entgegenzustellen versuchte. Nichtsdestotrotz haben sie eine politische Realität begriffen, die für alle Staaten gleichermaßen gilt.

Die USA im ständigen Fokus der Berichterstattung müssen die Häme und Verachtung der Humanisten ertragen, und das tun sie auch, sehr gut sogar. Was interessiert es die Karawane, wenn die Hunde bellen? Sie zieht einfach weiter. Die USA als Hegemon verschwenden für Moraldebatten keine Zeit, es sei denn es bedarf eben dieser, um den politischen Laien irgendwie ruhig zu stellen. Selbst wenn es Lügen und Vorwände bedarf. Das ist keine Wertung. Das ist nunmal die Politik wie sie leibt und lebt. Das klingt nicht nur provozierend, es ist es auch: Was wollen all die anti-amerikanischen Tastatur-Kämpfer dagegen tun? Gar nichts. Das Naturrecht des Stärken gilt erbarmungslos in der Welt der Außenpolitik. Der einzige Maßstab für diese ist der Erfolg für das eigene Land, sonst nichts. Auch um den Preis der Lüge, welche zudem von Staaten nicht wegen des moralischen Konflikts grundsätzlich gemieden wird, sondern, weil man darum bedacht ist möglichst selten als Lügner entlarvt zu werden, da dies die Kosten für zukünftige Aktionen in die Höhe treiben kann.

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