Europa in Gefahr – Die deutsche Wiedervereinigung

In diesem Nachruf auf der Achse des Gutes wird Helmut Kohl aus einer gänzlich anderen Perspektive beleuchtet, als es dieser Tage sonst der Fall ist. Viel zu oft liege der Schwerpunkt auf seiner Rolle als „Kanzler Europas“ oder allgemeiner gesprochen, als europäischer Staatsmann, der für ein geeintes Europa kämpfte und dessen Lebenswerk mehr denn je nun gefährdet sei. So jedenfalls der Tenor der üblichen Nachrufe, die ihm gewidmet sind. Für welchen Akteur er aber nun von größerer Bedeutung gewesen ist, kommt nur auf die Perspektive an, aus der man sein Wirken betrachtet.

Als Ausgangspunkt für den Hauptteil dieses Artikels wird folgender Absatz herangezogen: „Mit anderen Worten, im Nachhinein bemüht man sich, auch der EU, der wankenden, einen Beitrag an die deutsche Wiedervereinigung zuzumessen. Dass Kohl, der mit dem deutschen Establishment seit Jahren über Kreuz lag, nicht in Deutschland mit einem Staatsakt in Berlin gewürdigt wird, was er sich verbat, sondern im französischen Strassburg, womit er nicht rechnete und deshalb nicht unterband – diese betont europäische Symbolik scheint alles zu bestätigen: War er nicht in erster Linie ein guter Europäer – und erst dann ein Deutscher? Ohne Europa keine deutsche Einheit, dafür steht Strassburg, die Stadt, die Deutschland 1918 aus eigenem Verschulden verloren hat.

Was war er denn nun – Europäer oder Deutscher? Viele mögen jetzt einwenden, dass beides parallel nicht nur möglich, sondern auch nötig sei. Im nationalistischen Klein-Klein verirrten sich schließlich nur reaktionäre Ewiggestrige. Diese Ewiggestrigen aber waren es, die drauf und dran waren ein wiedervereintes Deutschland zu verhindern. Verwiesen sei hier nur auf die Ausschnitte der Transkripte der Gespräche zwischen Margaret Thatcher und Mitterrand oder zwischen selbigem und Gorbatschow, die ebenfalls im verlinkten Beitrag von der Achse des Guten zu finden sind. Bei dem Gedanken an eine deutsche Wiedervereinigung assoziierten die Beteiligten direkt die Annexion ehemaliger Gebiete des Deutschen Reichs in Westpolen oder einen neuen Krieg auf europäischem Boden, der mit endgültiger Sicherheit Erstgenanntem gefolgt wäre. Ewiggestrig oder nicht, zu wichtig war der Einfluss dieser Staatsleute, als dass man Sie als bloß rückwärtsgewand und unwichtig abstempeln könnte.

Diese Reaktion auf die Wiedervereinigung dürfte den meisten Bürgern unbekannt oder unvorstellbar sein. Wie konnten Politiker im europäischen Ausland solche Befürchtungen äußern, unterstellten diese den damals noch nicht wiedervereinigten Deutschen die Absicht alte Ländereien unter Gewalt zurückzuerobern und dadurch einen Weltkrieg zu entfachen. Ob Ost oder West, beide Seiten haben in gleichen Mustern gedacht. Die innere Verfasstheit hatte keinen Einfluss auf die außenpolitische Denke. Wenn jene von ersterem bestimmt wird, dann müsste man davon ausgehen, dass gute europäischer Demokraten natürlich für eine Wiedervereinigung der Deutschen und einer Beendigung der Existenz des Unrechtsstaates in Form der DDR eingetreten wäreb. Das Gegenteil war der Fall.

Die Wiedervereinigung Deutschlands löste nicht nur angesprochene Ängste, sondern auch Maßnahmen aus, die dazu gedacht waren die dann schon als unausweichlich erscheinende Wiedervereinigung in Bahnen zu lenken, die man als kontrollierbar erachtete. Dieses Gebaren, welches vor allem Franzosen und Briten an den Tag legten, zeigt, dass das internationale Staatensystem, wie schon mehrfach auf diesem Blog erwähnt, Verhaltenszwänge erzeugt. Der Faktor der Unsicherheit dürfte der mitunter ausschlaggebendste für das vorsichtige, von Skepsis geprägte Agieren der europäischen Großmächte in Bezug auf Deutschland gewesen sein. Ein wiedervereinigtes Deutschland hat nämlich nicht nur bedeutet, dass das zahlenmäßig stärkste Volk, welches in zwei Nationen gespalten war, wieder zueinander gefunden hätte, gleichgetan hätten es ihnen ebenso die wirtschaftlichen, militärischen und politischen Ressourcen. Über Nacht entstand in der Angstvorstellung vieler Nicht-Deutscher Europäer ein Über-Staat, der mit seinem Potential all die anderen nicht überflügeln würde. 27 Jahre später wissen wir – dieser Staat hat genau dieses schlussendlich vollbracht. Dem militärischen, wirtschaftlichen und politischen Potential stand man alles andere als wohlwollend gegenüber, man konnte schließlich nicht wissen, was Deutschland in Angesicht der neuen Machtfülle mit eben jener anstellen würde. Aus europäischen Freunden und Partnern wurden in Anbetracht dessen ganz schnell wieder alte Konkurrenten. Diesem wusste man zu begegnen: Die 2+4 Verträge hielten eine Obergrenzen für die Mannstärke der Bundeswehr fest. Damit wollte man ein der Wehrmacht ähnliches Millionenheer verhindern, gleichzeitig nahm die europäische Integration an Fahrt auf. Man wollte Deutschland „umarmen“ und so handlungsunfähig machen, sie zu einer politischen und wirtschaftlichen Bindung an die restlichen EU-Staaten zwingen, bevor die Deutschen diese Bindung durch die Nutzung ihrer Machtpotentiale irgendwann von selbst den anderen aufdiktiert hätten. Die Verträge von Maastricht waren, zwischen den Zeilen gelesen, eine Reaktion auf die deutsche Wiedervereinigung. Nicht zufällig liegen diese beiden Entwicklungen zeitlich so nah beieinander.

Zurück zu Helmut Kohl: Er hat ohne Einbeziehung anderer Mächte eine Wiedervereinigung Deutschlands zum Ziel erkoren und dabei nicht etwa als großer Europäer die Integration auf Kosten der Deutschen vorangetrieben, sondern vielmehr die deutsche Wiedervereinigung für den Preis der engeren Bindung an die europäischen Staaten erkaufen müssen.

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